Wissen · Familienunternehmen & Nachfolge

Wem schuldest du dein Leben?

Wie lasse ich mein Lebenswerk los? Diese Frage stellt sich selten am Tag der Übergabe der Firma an eine andere Person. Sie kommt Jahre vorher, meistens leise und meistens dann, wenn es im Betrieb ruhig geworden ist: Wie lange will ich das noch machen? Und was wird aus alldem, wenn ich es nicht mehr mache?

Loslassen fängt lange vor dem Notartermin an

In einem Familienunternehmen kommt eine zweite Frage dazu, die selten jemand ausspricht. Sie gilt für den, der abgeben will, genauso wie für den, der übernehmen soll: Wem schuldest du dein Leben?

Für Bewertung, Verträge und Steuern gibt es ausgezeichnete Berater, und sie machen ihre Arbeit gut. Die Frage, wem du dein Leben schuldest, steht in keinem ihrer Ordner. Die gehört dir allein.

Deshalb ziehen sich Nachfolgen so oft über Jahre. Nach außen fehlt noch ein Gutachten, ein Termin, ein Detail. Innen wartet eine Entscheidung, die dir niemand abnimmt.

Zwei Stimmen in dir, und beide haben recht

Wer ein Familienunternehmen abgibt, führt dieses Gespräch lange vor jedem Termin mit sich selbst. Zwei Stimmen melden sich dabei, oft am selben Abend.

Die eine trägt die Verantwortung für das, was Generationen vor dir aufgebaut haben. Sie will, dass die Arbeit weitergeht, dass die Mitarbeiter ihren Platz behalten und der Name im Ort weiter etwas bedeutet.

Die andere stellt die Fragen, die du kaum jemandem erzählst: Wer bin ich, wenn ich morgens nicht mehr aufschließe? Und was wollte ich eigentlich, bevor dieses Unternehmen meine Antwort auf alles war?

Beide Stimmen haben recht. Genau deshalb dauert die Entscheidung so lange — sie will nicht gewonnen werden, sie will gehört werden.

Greg Hunting kennt diesen Platz am Tisch. Er hat übernommen, und er hat losgelassen.

Was Greg selbst entschieden hat

Gregs Vorfahren waren seit 1632 Schreiner. Sein Großvater und sein Vater machten nach dem Krieg ein Möbelhaus daraus. Nach dem frühen Tod seines Vaters übernahm Greg das Haus mit Mitte zwanzig und führte es 25 Jahre lang erfolgreich, mit einem Einsatz, der über Jahrzehnte 60 bis 80 Wochenstunden bedeutete.

Er spricht ohne Bitterkeit über diese Zeit. Der kreative Teil hat ihm echte Freude gemacht: Räume planen, mit Farben und Stoffen arbeiten, für Kunden etwas entstehen lassen. Das Unternehmen gab seiner Familie ein sicheres Zuhause, und dafür ist er bis heute dankbar.

Daneben lief ein anderer Gedanke immer mit, im Urlaub am lautesten: dass er eigentlich Musiker ist. Jahrzehntelang kam er aus diesem Urlaub zurück, und alles war wie vorher.

„Ist es verrückt, aus einem sicheren Leben für den großen Traum auszubrechen? Es ist verrückt, es nicht zu tun."

Greg Hunting

Irgendwann verkaufte Greg das gesunde, bestens am Markt positionierte Unternehmen und beendete 300 Jahre Familientradition. Er tat es aus einem einzigen Grund: Er war endlich ehrlich zu sich selbst.

Der Satz, der den Knoten löste

Den letzten Anstoß gaben seine Töchter. Beide sagten ihm, dass sie das Unternehmen nicht übernehmen wollen, die eine früher, die andere später und sehr klar. Greg antwortete ihnen, dass das vollkommen in Ordnung ist, und er meinte es so.

In diesem Moment war ein langer innerer Konflikt zu Ende. Greg wusste selbst am besten, wie es sich anfühlt, in ein Leben einzutreten, das ursprünglich für jemand anderen gedacht war. Seinen Töchtern wollte er die Freiheit geben, die er sich selbst so lange nicht genommen hatte.

Genau hier beginnt Loslassen in den meisten Familienunternehmen: bei einem ehrlichen Gespräch zwischen zwei Generationen, in dem beide sagen dürfen, was sie wirklich wollen. Ein klares Nein zur richtigen Zeit ist wertvoller als ein Ja aus Pflichtgefühl, das zwanzig Jahre trägt und dann bricht.

Wer bist du, wenn du das Unternehmen abgibst?

Das Unternehmen war jahrzehntelang deine Aufgabe, dein Tagesablauf und deine Rolle im Ort. Wenn es weitergeht, bleibt der Mensch, der all das aufgebaut hat. Und der hat mehr im Gepäck als eine Rolle.

Für Greg war das die eigentliche Prüfung nach dem Verkauf. Es gab niemanden mehr, dem er die Verantwortung für sein Leben hätte zuschieben können: keine Familientradition, keine Belegschaft, keine Erwartung von außen. Aus dieser Zeit entstanden zwölf Songs, die inzwischen Menschen in 166 Ländern hören.

Heute beschreibt er diesen Weg als Rückkehr in ein bewusstes Leben mit voller Eigenverantwortung. Das Erbe seiner Familie hat er dabei nicht verloren. Er trägt es anders weiter: als Haltung, als Handwerk, als Anspruch an das, was er tut.

Für dich zum Mitnehmen

Wo das Loslassen im Alltag anfängt

Drei Schritte wirken sofort, lange bevor ein Vertrag auf dem Tisch liegt.

Sprich das Unausgesprochene aus. Frag deine Kinder, sobald sie alt genug dafür sind, was sie wirklich wollen, und lass die Antwort gelten, wie immer sie ausfällt. Und sag selbst, was du willst. Viele Familien reden jahrelang über Zahlen und Strukturen, während die eine wichtige Frage unter dem Tisch bleibt.

Trenne dein Lebenswerk von deiner Person. Das Unternehmen ist etwas, das du geschaffen hast. Du bist der Mensch, der es schaffen konnte, und diese Fähigkeit gibst du an keinen Käufer ab.

Plane das Danach, bevor du übergibst. Was machst du am ersten Montag, an dem du nicht mehr zuständig bist? Wer diese Antwort hat, übergibt in Ruhe. Wer sie nicht hat, findet noch drei Jahre lang Gründe, warum es gerade jetzt nicht passt.

Drei Fragen

Für den Anfang

Diese drei Fragen stellt Greg gern, wenn ihm jemand von einer festgefahrenen Nachfolge erzählt. Sie beantworten sich am besten schriftlich und in Ruhe.

  1. Wessen Erwartung erfülle ich gerade? Schreib die Namen auf. Manche dieser Menschen leben längst nicht mehr, und ihre Erwartung arbeitet trotzdem weiter.
  2. Was will ich wirklich? Greg stellt sie in drei Teilen: „Was will ich wirklich? Wer will ich sein? Berührt es meine Seele?"
  3. Wenn jetzt ein hervorragender Zeitpunkt wäre, um eine wichtige Entscheidung zu treffen — welche Entscheidung wäre das?

Wenn dir die Antwort auf die dritte Frage sofort einfällt, weißt du, was zu tun ist.

Warum diese Sätze auf einer Bühne besser ankommen als in einem Leitfaden

Nachfolge wird auf Unternehmertagen meistens von der Seite der Zahlen behandelt, und das ist richtig so, denn die Zahlen müssen stimmen. Der Teil, der die Leute nachts wachhält, kommt dabei selten vor.

Greg Hunting spricht genau über diesen Teil, und er tut es aus der Innensicht: über die Last der Erwartungen, über die Verantwortung für ein Erbe und über die Frage, wem du dein Leben schuldest. Im Saal sitzen Unternehmerinnen und Unternehmer, die ihre Nachfolge seit Jahren vor sich herschieben, und daneben Söhne und Töchter, die noch nicht ausgesprochen haben, ob sie dieses Lebenswerk wirklich wollen. Viele von ihnen reden nach so einem Vortrag zum ersten Mal offen darüber: miteinander, in der Familie, manchmal zum ersten Mal mit sich selbst.

Fragen & Antworten

Häufige Fragen

Wie treffe ich die Entscheidung, mein Familienunternehmen abzugeben?

Die betriebswirtschaftliche Seite klärst du mit Beratern: Bewertung, Käuferkreis, Steuern, Zeitplan. Die persönliche Seite bleibt bei dir, und sie entscheidet, ob du am Ende in Frieden übergibst. Dafür helfen drei Fragen: Wessen Erwartung erfülle ich gerade? Was will ich wirklich? Und was mache ich am ersten Montag, an dem ich nicht mehr zuständig bin? Wer diese Antworten hat, trifft die Entscheidung meistens schneller, als er selbst gedacht hätte.

Was hilft beim Loslassen, wenn das Unternehmen seit Generationen in der Familie ist?

Es hilft, die Tradition als das zu sehen, was sie ist: die Geschichte von Menschen, die zu ihrer Zeit mutige Entscheidungen getroffen haben. Greg Hunting hat eine über 300 Jahre alte Familientradition beendet, um seinen eigenen Weg zu gehen, und beschreibt das Erbe heute als Haltung, die er weiterträgt. Was bleibt, ist die Art, wie in deiner Familie gearbeitet wurde. Was geht, ist eine Rechtsform.

Was mache ich, wenn mein Kind das Unternehmen nicht übernehmen will?

Nimm das Nein als Information über den Weg deines Kindes. Es hat dieselbe Frage beantwortet, die auch du dir stellst, nur früher. Bei Greg haben beide Töchter Nein gesagt, die eine früher, die andere später. Der zweite Satz beendete einen jahrzehntelangen inneren Konflikt: Greg verstand sie sofort, weil er selbst wusste, wie es sich anfühlt, ein fremdes Leben zu führen. Von da an war der Weg frei für die Lösung, die zu allen passt — ein Verkauf, eine externe Geschäftsführung oder eine ganz neue Aufgabe für dich selbst.

Wenn du das mit deinem Publikum erleben willst

Vortrag und Workshop

Greg Hunting spricht vor Unternehmerverbänden, Kammern, Family Offices und auf Nachfolge-Foren über Generationswechsel, Loslassen und den Mut zum eigenen Weg — als Vortrag von 30, 60 oder 90 Minuten oder als Workshop über zweieinhalb Stunden, in dem die Teilnehmer selbst arbeiten. Er kennt beide Seiten des Tisches aus eigener Erfahrung. Buchbar auf Deutsch und Englisch.

all in.

Wenn du jetzt einfach etwas hören willst

Zwei Songs

„Now I Do What I Love" ist der Schritt heraus aus einem fremden Leben, hinein in das, was du liebst. „Father" ist Gregs Gruß, sein Dank und seine Liebe für seinen Vater — der einzige Song des Albums, den er selbst singt.